15.06.11 07:00

Ein königsblaues Schicksal - Die Hassan Talib Haji Story (Teil 1)

Wie die Liebe zum FC Schalke 04 mein Leben rettete!

Lange habe ich mit mir gerungen, jetzt habe ich den Entschluß gefasst - mein Schicksal zu veröffentlichen. Mein Blog soll anderen Mut machen. Desto dunkler es um dich wird, umso heller scheinen die Menschen, für die du die Welt bedeutest...


 

 

Der schlafende Schalker in dir

Jeder Schalker kennt die Worte: "Einmal Schalker, immer Schalker – ein Leben lang!" – Das gilt auch für mich, denn ich bin Schalker. Seit 1985 fieber ich mit diesem besonderen Verein. Habe Tränen vergossen, gejubelt, bin verzeifelt, habe mich geärgert und lauthals meine Knappen in der Nordkurve nach vorne gepeitscht. Für mich gibt es seitdem ich denken kann nichts anderes. Es zählt "nur der S04". Ich war immer ein "normaler" Fan, dachte ich zumindest. Habe mich am Wochenende als erstes darauf gefreut meine Mannschaft anzufeuern. Samstagnachmittag 15.30 Uhr war eine heilige Zeit. Wenn wir gewonnen haben war ich wohl der glücklichste Mensch auf Erden – wie Ihr auch! Gingen wir als Verlierer vom Platz, war das Wochenende für mich gelaufen. Keiner brauchte mich auch nur ansehen oder mich zu fragen: "Was hat Schalke gemacht?" – Ich habe demjenigen einfach vor die Füße gekotzt, dann war meistens auch wieder Ruhe im Karton. Es ist eine besondere Verbindung zwischen mir und dem Verein meines Herzens. Sie ruht nicht nur in der Liebe die mich mit Schalke 04 verbindet, sondern der Tatsache das dieser Malocherclub und seine unglaubliche Anhängerschaft mir beigestanden haben – in meiner dunkelsten Zeit. Ich habe ein schweres Schicksal zu tragen und war damit fast alleine! Nun ist der Zeitpunkt gekommen euch ausführlich davon zu erzählen und euch diese Verbindung näher zu bringen.




4cm die dein Leben verändern

Es war die Nacht vom 26./27. Mai 2007. Zu der Zeit war mein Leben noch halbwegs in Ordnung! In wohnte und arbeitete in Bremen als Filialleiter in einem Geschäft für Designermode. War glücklich liiert und alles war schön und gut. In der Nacht war ich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Der Abend verlief ganz unproblematisch. Sonntagsmorgen um 05.00 Uhr saß ich auf dem Fensterbrett in der Küche eines Freundes und unterhielt mich mit einem ehemaligen Mitarbeiter. Ich wollte mein letztes Bier genießen und dann nach Hause torkeln. Das Fenster hinter mir war weit geöffnet. Plötzlich kam ein Freund zu mir um mir dringend was zu erzählen. Er war schon ziemlich betrunken. Ich habe gar nicht mitbekommen das er mir was sagen wollte, ich war so in mein Gespräch vertieft, dass ich es nur aus Erzählungen wiedergeben kann. Jedenfalls kam er auf mich zu getorkelt und stolperte. Um sich nicht zu verletzen stützte er sich "reflexartig" mit den Armen ab – leider nicht an der Heizung oder dem Fensterrahmen! Sein Halt in der Not bin ich gewesen. Durch sein "Abstützen", welches für mich total überraschend kam, fiel ich aus dem Fenster und stürzte 4 bis 6 Meter in die Tiefe. Mein Pech war, dass unter dem Fenster die Stahlmülltonnen verstaut wurden. Ich krachte mit meinem Rücken auf den Bügel einer Mülltonne und schlug mit dem Kopf an eine Kante. Ich lag ohne Bewußtsein, ohne eigener Atmung und ohne Herzschlag auf dem kalten Beton. Was danach passierte kann ich euch nicht sagen, da ich keine Erinnerung mehr daran habe. Mir ist nur gesagt worden, dass ich sofort wiederbelebt worden bin und ins Klinikum Bremen-Mitte gebracht wurde. Dort wurde mein ganzer Körper und mein Kopf untersucht. Als meine Verletzung an der Wirbelsäule festgestellt wurde, bin ich nach Hamburg in eine Spezialklinik geflogen worden!

Die Diagnose lautete: Bruch der Wirbelsäule im Lendenwirbelbereich mit Verschiebung der Wirbelsäule um 4cm, Verletzung des Spinalkanals durch Bruch der Wirbelsäule (Querschnittlähmung), Schädelhirntrauma 1. Grades, Fersenbeinbruch im Gesicht und eine daraus resultierende Fazialisparese (Gesichtslähmung, linke Gesichtshälfte), Riss des linken Trommelfell (nur noch 60% Hörvermögen) – Alles ist halbwegs verheilt, bis auf die Verletzung des Spinalkanals und der daraus folgenden Querschnittlähmung. Und genau da liegt der Hund begraben!

Ich habe in meinem Leben schon viel miterleben dürfen, war oft genug am Boden und habe mich meistens wieder aus jeglicher mißlichen Lage befreien können. Doch ich werde diesen ersten Tag, der Tag an dem ich aufwachte, niemals vergessen. Du bist zu schwach um deine Augen zu öffnen. Du fragst dich selber wo du bist. Ich fasse mir an den Kopf und versuche durch das Auflegen meiner Hand meine Kopfschmerzen zu lindern. Langsam schaffe ich es meine Augen zu öffnen. Viel hilft es mir nicht, denn es ist für mich als würde ich durch ein Milchglas schauen. Und was verdammt nochmal piept hier die ganze Zeit? Ich war vollkommen verwirrt und schlief wieder ein. Was ich nicht wusste war, dass ich schon seit einem knappen Monat geschlafen habe – ich lag im Koma! Kurze Zeit später wurde ich wieder wach. Ich öffnete erneut meine Augen und sah alles glasklar. Ich hörte wieder dieses ständige Piepen, aber nur auf dem rechten Ohr. Links war es so als würde jemand nach einem Radiosender suchen. Nun habe ich begriffen das ich im Krankenhaus liege und etwas schlimmes passiert sein muss. überall aus meinem Körper kamen Schläuche. Aus meiner Nase, meinem Mund, meinen Handgelenken und vier aus meinem Rücken! Ich war schockiert, ich riss mir die Hälfte ab und wollte hier nur noch weg. Das war der Moment, den ich niemals mehr vergessen werde und kann. Fast alle Schläuche waren ab und es piepte wie nie zuvor. Ich wollte aufstehen und versuchte meine Beine zu bewegen. Doch sie gehorchten nicht. Ich versuchte es wieder, doch sie regten sich kein Stück – mir wurde klar was passiert ist! Ich habe noch nie in meinem Leben so laut geschrien wie in diesem bitteren Augenblick. Sofort kamen die ärzte und Schwestern. Es bedurfte drei Pflegern mich zu bändigen. Als ich mich beruhigt hatte schickte der Chefarzt der Intensivstation alle raus und redete mit mir über das Geschehene. Er machte mir sofort klar was Sache ist und das mein Leben von nun an ein anderes sein wird – ein Leben im Rollstuhl.





Die Wahrheit liegt nicht nur auf dem Platz

Wieviele Freunde, echte Freunde, du hast erkennst du erst wenn es dir richtig dreckig geht! Anfangs kam mich meine Ex-Freundin noch besuchen. Doch die Besuche wurden immer seltener und kürzer! Meine sogenannten Freunde haben mich ständig vertröstet. Ja wir kommen dann, wir kommen doch erst dann. Regelmäßig besucht hat mich aber nur eine einzige Person, von der ich es niemals geglaubt hätte. Nun lag ich ca. ein Jahr im Krankenhaus und machte meine Rehabilitation. Ich musste alles neu erlernen. Schließlich konnte ich nichts mehr so wie ein Fußgänger machen. Meine Muskeln an den Beinen verabschiedeten sich und ich verlor, nur an den Beinen, ca. 10kg an Muskelmasse. Ich dachte mir, wie soll es bloß weitergehen? Die einzigen auf die ich mich verlassen konnte waren meine beiden Ladies. Meine Mutter und meine Schwester und eine ehemalige Affäre aus früheren Zeiten. Sonst hatte ich Keinen! Die Tage und Wochen zogen vorüber und ich sah wie meine Zimmergenossen ständig Besuch bekamen, in regelmäßigen Abständen. Ich verkroch mich tief in die Bettdecke und versuchte mich zu verstecken. Vor der einen Frage, "wann kommen denn deine Freunde um nach dir zu sehen?" Bei mir kam so gut wie keiner! Es beschämte mich sehr und tat sehr weh. Ich fing an mich selbst und mein bisheriges Leben zu hinterfragen. Ich stellte mir immerwieder diese eine Frage: "Was muss ich für ein abgrundtief schlechter Mensch sein?" – So dass ich es noch nicht einmal wert gewesen bin mich zu besuchen, in dieser Lebenslage und bei fat einem Jahr im Krankenhaus! Daran hatte ich mehr zu arbeiten als an meiner eigentlichen Behinderung. Ich fühlte mich wertlos, mein Leben war in diesen Tagen zuende. Ich sehnte mich nach Halt und Unterstützung. Bekommen habe ich noch mehr unbeantwortete Fragen. Ein Zustand der Seelenlosigkeit setzte sich ein - Ich wünsche niemanden dieses Gefühl. Der Magen wird so schwer, als wenn er mit Blei gefüllt ist. Dein Gehirn kann das alles nicht verpacken. Ziellos, Planlos und Hilflos war ich kurz davor mich selber aufzugeben. Hassan Talib Haji gab es nicht mehr, es gab nur noch den einsamen Schwächling, der verkrüppelt im Rollstuhl saß. Bemitleidet und nur wenig beachtet.




Das hat mich ziemlich beschäftigt und ich war tieftraurig – fühlte mich einsam! Als ich endlich das Bett verlassen durfte und ich mir die Klinik mal näher angeschaut habe, traf ich viele Patienten in Schalke-Montur. Man kam dann locker ins Gespräch. So entwickelte ich eine noch tiefere Verbindung zu meinem FC Schalke 04 und die Anhänger die ich im Krankenhaus kennengelernt habe. Schalke wurde somit zu meinem Krankenhausalltag – denn das war das Einzige was mich nicht in Depressionen stürzte. Wir sollten uns eine Beschäftigung suchen. Meine war alles über S04 herauszufinden was geht. Ich habe noch nie in meinem Leben soviel mit anderen Menschen geredet – noch nicht einmal beruflich! Wir hatten tolle Gesprächsrunden und haben uns über die Lüdenscheider lustig gemacht und sie halb durchs Krankenhaus gejagt. Auch wenn es die härteste Zeit der Welt für mich war – ich fühlte mich nicht mehr alleine! Nun kannte auch ich die Bedeutung der "1000 Freunde". Schalke 04 hat mir somit beigestanden, mir geholfen und mich die restliche Zeit weitesgehend fröhlicher ertragen lassen! Nach Monaten voller Leid entwickelte ich Freud, ein Zustand der Normalität setzte sich ein. Ich könnte euch tausende kleinerer Anekdoten erzählen, aber ich will euch nicht überforderm, das hier soll kein Roman werden! Mir ging es wieder einigermaßen gut und ich wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Meine "Freunde" haben für mich den Umzug in eine rollstuhlgerechte Wohnung organisiert – jedenfalls sagten sie das! Sie holten mich ab und wir fuhren zu einem Freund und feierten meine Rückkehr, als die Party vorbei war bin ich mit einem Taxi zu meiner neuen Wohnung gefahren. Dort traf mich der Schlag. Meine Möbel waren einfach übereinander gestapelt. Mein Bett war nicht aufgebaut und die Küche war auch nicht angeschlossen! Ich musste mich selber drum kümmern. Aber wie soll das gehen? So gut es ging habe ich meine Möbel selber aufgestellt und bekam Hilfe von meinem Nachbar. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich keine Freunde mehr und fristete mein Dasein alleine! All das positive was ich mitgenommen habe war verschwunden. Ich stürzte vollkommen ab und war so deprimiert wie zum Anfang im Krankenhaus! Ich lebte unter der Menschenwürde und versuchte zweimal meinem Leben ein Ende zu machen. Vergeblich, jemand wollte das ich weitermache und nicht aufgebe! So habe ich beschlossen, dass ich da weitermachen wollte, wo ich im Krankenhaus aufhörte – nämlich bei Schalke 04.

Ich zog zurück in meine Heimatstadt und verließ das kalte Bremen – das war das Beste was ich machen konnte!

Die Wiedergeburt der Lebensfreude und der Anfng von was ganz großem (Teil 2) - demnächst...!

Glück auf,

Hassan Talib Haji  

 

 

www.hassanscorner.de


 

 

Dies ist der Schalke 04 Blog von Hassan Talib Haj. Der Text spiegelt nicht die Meinung von Liga1.tv wider.


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